Wir haben mit dem CEO von Authentise, Andre Wegner, gesprochen, um die aktuellen Kommunikationsprobleme in der Industrie zu verstehen und wie Authentise Threads dabei helfen kann sie zu lösen.
Vom Flugzeugabsturz zum Softwareunternehmen
Sie gründeten Authentise 2012 nach einem Flugzeugabsturz in Nigeria. Wie wurde das zum Teil der Gründungsgeschichte?
Ich habe früher einen Fonds in Nigeria geleitet. Im Juni 2012 stürzte dann ein Flugzeug im Anflug auf Lagos ab und tötete dabei 159 Menschen. Sie flogen, obwohl es Teile gab, die hätten ausgetauscht werden müssen, aber nicht verfügbar waren.
Wären die Teile vor Ort verfügbar gewesen, so wäre der Druck, ein kompromittiertes Flugzeug zu fliegen, geringer gewesen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wir müssen in der Lage sein, Teile viel näher an dem Ort zu fertigen, an dem sie auch benötigt werden. Das wurde die Grundlage für die Gründung von Authentise und meine Überzeugung hat sich seitdem nicht geändert.
Wir Erzeugen, Erfassen und Verlieren Absichten
Entwicklerteams verfügen bereits über Tools wie Jira, Slack, Teams, Confluence und PLM-Systeme für die Kommunikation. Was fehlt denn dann?
Die Artefakte des Maschinenbauprozesses sind Zeichnungen, Berichte und 3D-Modelle. Diese reichen aus, damit das Teil mit einem sehr spezifischen Satz an Herstellungskapazitäten gefertigt werden kann. Sie reichen aber nicht dazu aus, selbst die kleinsten Veränderungen vorzunehmen, weil sie nicht die Absicht hinter den Anforderungen kommunizieren können.
Slack, E-Mails, Powerpoint, all diese Quellen für die Absicht existieren. Sie gehen aber in dem Moment, in dem das Projekt beendet wurde, verloren. Das Einzige, was dann noch bleibt, sind die Zeichnungen und die Modelle. Also erzeugen wir diese Absichten erst, dann erfassen wir sie, und dann verlieren wir sie. Wir glauben aber, dass diese Absichten äußerst wertvoll sind.
Was bedeutet das in der Praxis?
Schauen Sie sich Reverse Engineering an. Haben Sie zum Beispiel ein Flugzeug, das zuerst in den 1950ern hergestellt wurde, und Sie möchten ein Teil davon für neue Fertigungsverfahren aktualisieren, dann müssen Sie dieses neu entwerfen und zertifizieren lassen. Sie müssen verstehen, warum die ursprünglichen Ingenieure die Entscheidungen getroffen haben, die sie getroffen haben. Waren sie durch die damals verfügbaren Maschinen eingeschränkt, oder brauchten sie diese Toleranz wirklich? Ohne die Absichten zu kennen, müssen Sie das Produkt von Grund auf neu entwerfen, nur um die Einschränkungen nachvollziehen zu können.
Der Ingenieur schaut sich also im Grunde das Teil an und versucht, die gesamte Logik selbst neu zu erstellen, aber ohne den Kontext der Leute, die es ursprünglich entworfen haben.
Ganz genau. Und Sie können sehen, wie sich das im 3D-Druck auswirkt. Viele Unternehmen würden liebend gern mit ihren älteren Teilen in die additive Fertigung übergehen, aber sie können es nicht. Die ursprünglichen Designdateien sagen Ihnen nur, was Sie machen sollen, aber nicht, warum es überhaupt so gemacht wurde. Ohne diesen Kontext ist es einfach sicherer, sich einfach an das wie auch immer geartete Herstellungsverfahren zu halten, das in den Originalzeichnungen festgelegt wurde. Wäre die Absicht erhalten geblieben, wäre der 3D-Druck zehnmal so groß, wie er es jetzt ist.
Projektinformationen zugänglich und interaktiv machen.
Erklären Sie Threads einem skeptischen Ingenieur.
Der beste Weg, dies zu erklären, ist eine Kombination aus Jira, Slack, Anmerkungen in 3D-Modellen und KI. Sie führen Gespräche mit den verschiedenen Beteiligten in verschiedenen Threads. Sie laden Dokumente und Transkripte von Videoanrufen hoch, und zwar alles davon. Die KI arbeitet dann auf zwei Arten damit. Zuerst gibt es einen Chatbot, mit dem Sie jederzeit herausfinden können, was gerade los ist. Als Zweites können Sie auf einen Knopf klicken, und sie generiert Ihnen einen Bericht mit den Daten, die auf die Threads zutreffen, in denen Sie gerade aktiv sind, nutzt dazu aber Ihre eigenen Vorlagen. Überdies erlaubt Threads 3D das Hinzufügen von CAD-Anmerkungen.
Im Fall von Boeing wird geschätzt, dass 120 Stunden reine Entwicklungszeit allein darauf aufgewendet werden, diese Berichte zu schreiben. Das ist keine wertschöpfende Ingenieurstätigkeit, sondern eine Zusammenfassung. Bürokratische Arbeit. Wir erstellen hingegen einen ersten Entwurf innerhalb von Sekunden, und sparen dadurch 90 % dieser Zeit ein.
Und ja, es sind dann immer noch Ingenieure, die diese Arbeit machen, da niemand sonst das Projektwissen hat.
Richtig! Niemand sonst kennt den Kontext. Also setzen Sie Ihre erfahrenen Ingenieure für Papierkram ein.
Wie wurde es angenommen?
Wir können den Wert sehen, den Threads für unsere Kunden bietet. Es gibt aber eine Menge Trägheitsmoment, wenn man versucht, die Art und Weise zu verändern, umzuschalten, wie die Leute zusammenarbeiten. Es ist ein Multi-Stakeholder-Problem. Es muss sich jeder „umschalten“, sonst funktioniert es nicht. Daher standen wir jedem Ansatz, der ein umfangreiches Änderungsmanagement erforderte, sehr kritisch gegenüber.
Was passiert ist, seitdem wir Threads entwickelt haben, ist, dass sie die KI schnell weiterentwickelt hat. Wir denken inzwischen, dass die gleichen Ziele durch Agentensysteme, die im Hintergrund arbeiten, erreicht werden können. Wir veröffentlichen etwas namens Whisper, was eine agentenbasierte Version von Threads ist. Es lebt in den Tools, die sie bereits benutzen. Niemand muss es in die Hand nehmen. Threads verbleibt als Frontend für die, die es gern nutzen möchten, aber die tatsächliche Funktion verschiebt sich in das Backend.
Die goldene Regel des Change Management besteht darin, dass jeder versteht, dass Veränderungen unvermeidlich sind. Ist es dann nicht unvermeidlich?
Das ist genau das Problem. In diesen Umgebungen gibt es Menschen, die keine Veränderung in irgendeiner Art in Betracht ziehen. Dieses Trägheitsmoment sitzt sehr tief und ist manchmal unmöglich zu überwinden. Also packen wir es ins Backend. Sie müssen sich gar nicht verändern. Das ist eine der größten Erkenntnisse aus unserer Arbeit mit Threads.
Boeing und die US Air Force nutzen Threads
Ihre Kunden erwähnen 70 % weniger Meetings, 2-mal so schnelle Entwicklung und 31 % geringere Fehlerrisiken. Woher kommen diese Zahlen?
Authentise ist die erste Software-Firma, die, glauben wir, in der Geschichte des Verteidigungsministeriums einen Hauptauftrag erhalten hat, was bedeutet, dass wir auch für die Lieferung des hergestellten Artikels verantwortlich sind.
In diesem Projekt war die traditionelle Herangehensweise an Risiko eine von Beratern angeleitete, modellbasierte System Engineering-Übung. Das kostet ungefähr 100.000 Dollar und zeigt Risiken zu einem bestimmten Zeitpunkt auf, und ist dabei kurzlebig. Parallel dazu ließen wir auch einen Bottom-Up-Ansatz laufen, bei dem wir Large Language Modelle über alle kollaborativen Projektdaten laufen ließen.
Auf diese Weise identifizierten wir doppelt so viele Risiken mit doppelt so vielen Details wie im traditionellen Ansatz. Wenn Ihre gesamte Kollaboration an einem Ort stattfindet, und Sie dann einfach einen Chatbot fragen können, wie denn all diese Dinge stehen, oder sich ein Status einfach aus einer Konversation heraus aktualisiert, fangen Sie an zu erkennen, warum Meetings ausfallen und das Risiko sinkt.
Boeing, die US Air Force. Wie haben Sie sie an Land gezogen?
Boeing war unser erster Kunde. Wir waren 2019 Teil eines Boeing-Accelerators, und sie hatten bereits unsere Produkte für die additive Fertigung verwendet. Es ist also eine Beziehung, die wir über Jahre hinweg aufgebaut haben. Mit Whisper sind wir anders vorgegangen. Wir sagten, dass wir das nicht bauen würden, solange wir keinen Kunden haben, der an die Mission glaubt, und einen Teil des Entwicklungsrisikos von unseren Schultern genommen hat. Sie zahlten für die Mitgliedschaft in einem Lenkungsausschuss.
Kommen die Leute für das ganze Paket oder für bestimmte Fähigkeiten?
Die größeren Unternehmen kamen für das Ergebnis, was eine Effizienz ist, die sich im ROI messen lässt. Die kleineren Teams, insbesondere die Universitätsteams, die an Robotik- oder Rennwagenprojekten arbeiteten, kamen für die kollaborative Umgebung.
Welche Arten von Teams haben den größten Vorteil daraus gezogen?
Jede Organisation mit einer großen Zahl an zusammenarbeitenden Ingenieuren zu denen auch Externe gehören. So ziemlich jeder, der an Projekten arbeitete, bei denen Informationen dazu neigen, verloren zu gehen. Im Grunde also jeder: von großen OEMs bis hin zu fünfköpfigen Service-Provider-Teams, die viele verschiedene Organisationen bedienen. Das Schlüsselprofil ist eine Branche mit Compliance-Anforderungen und einer Interessengruppe von mehr als 20 Personen.
Was ist der Anwendungsfall mit externen Ingenieuren?
Sie sind oft diejenigen, denen der Kontext am meisten fehlt. In jedem technischen Projekt haben Sie externe Experten für Materialien, Simulationen oder Prüfungen. Wenn diese Berater Zugriff auf die Intent-Daten haben, geben sie bessere Ratschläge. Und aus Sicht der Firma bleiben die Erkenntnisse, die diese Berater eingebracht haben, innerhalb der Firma erhalten, anstatt mit den Beratern wieder zu verschwinden, wenn deren Vertrag endet.
Gab es Anwendungsfälle, die sie so gar nicht entworfen hatten?
Die zuvor erwähnte Risikobewertung kam völlig unerwartet. Wir fingen an, die Daten zu sammeln, und die Air Force war so, ja, macht ihr nur mal. Und dann deckten wir doppelt so viele Risiken auf. Jetzt machen wir das bewusster: Projektdaten werden an interne, aber auch an externe Standards angepasst. Wir können dann Compliance-Probleme bereits frühzeitig im Prozess erkennen, anstatt sie erst am Ende aufzudecken. Wir wollen es Unternehmen ermöglichen, im Laufe der Zeit ihre ganz eigenen Anwendungsfälle zu gestalten.
15 Dollar im Monat und das Trägheitsproblem
Wie sieht die Preisgestaltung aus?
Für Threads gibt es eine Freemium-Version, 2 Bezahlpakete für 15 und 60 Dollar im Monat, sowie eine Enterprise-Lösung, die kundenspezifisch angepasst werden muss.
In Anbetracht des geringen Preises: Warum benutzt es nicht schon jedes Team?
Es geht gar nicht um den Preis. In diesen Organisationen ist KI noch sehr neu. Den Formfaktor anzupassen, und ihnen den Glauben zu geben, dass es keine Störungen verursachen wird, das ist die wahre Herausforderung. Der geringe Preis spiegelt die Schwierigkeit im Einsatz wider. Wenn man diese Barrieren verringern kann, dann kann man auch mehr dafür verlangen.
Womit lässt sich Threads integrieren?
Wir haben eine tiefgreifende Integration mit Autodesk, derzeit weniger mit Siemens-Tools. Wir können die Daten aus bestehenden PLM-Systemen abrufen. Wir haben eine Integration in Plyable für die Analyse von Formgebungswerkzeugen, und wir haben einen Weg entwickelt, wie Nutzer ihre eigenen Plug-ins verwenden können. Heute sind es drei oder vier Live-Integrationen in Threads, und bereits acht oder neun in Whisper, und das noch bevor es veröffentlicht wurde.
Von Jahren zu Minuten
Du bist jetzt seit Jahren in diesem Bereich unterwegs. Was hat sich tatsächlich verändert?
Die größte Veränderung hat in den vergangenen Jahren die KI vollzogen. Aber die industrielle Praxis ändert sich per Definition nur langsam. Lange Verkaufszyklen bedeuten begrenzte Signale, die die Wirkung eines Tools anzeigen, was begrenztes Risikokapital bedeutet, da die Finanzierungszyklen nicht passen. Auf der 10.000 Fuß – Ebene (Anm. d. Übersetzers: Auf der taktischen Ebene des mittleren Managements.) hat sich in den Arbeitsabläufen der Ingenieure kaum etwas verändert.
Wie werden die nächsten fünf Jahre aussehen?
Ich habe eine langfristige Wette aus dem Jahr 2016 laufen, dass es 2026 keine kommerziellen Windkanäle mehr geben wird. Nun, es ist 2026, und wir haben mehr denn je. Also möchte ich keine weiteren Vorhersagen treffen.
Aber die Richtung ist eindeutig. Wir müssen die Zeit verringern, die es benötigt, eine Idee in ein Teil zu verwandeln. Ganz egal, ob es nun ein Ersatzteil oder ein neues Produkt ist, erstrecken sich die aktuellen Zeitachsen oft über viele Jahre. Darauf arbeiten alle Unternehmen in diesem Bereich hin. Ich denke, dass wir in den nächsten fünf Jahren echte Fortschritte machen werden. Wie große? Das kann ich nicht sagen.
Welche anderen KI-Tools aus dem technischen Bereich haben Ihre Aufmerksamkeit erregt?
Es gibt eine interessante Entwicklung von Simulationswerkzeugen, die nicht auf physikalischen Modellen, sondern auf einer Verhaltenssimulation basieren. Das macht eine Firma namens 1000 Kelvin. Einer der Mitbegründer hat mit diesem Tool dazu beigetragen, das Gewicht von Bierflaschen aus Glas um 13% zu senken. Echtes Produkt, echte Einsparungen.
Authentise ist ein Workflow-Unternehmen. Wir machen keine algorithmische Arbeit. Das überlassen wir anderen und liefern stattdessen den Klebstoff, den digitalen Faden zwischen den Werkzeugen. Da passiert gerade eine Menge großartiger Arbeit in der Vertikalen.











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