Bei EUSS Motorsport bin ich als Leiter der Fahrzeugdynamik tätig. In dieser Rolle entwickle ich Baugruppen, die das Chassis ergänzen – Komponenten, die entscheidend für die Leistung des Fahrzeugs auf der Rennstrecke sind. Meine Begeisterung für Mechanik hat mich zum Ingenieurstudium geführt. Als ich erfuhr, dass meine Hochschule ein Formula-Student-Team hat, war der Einstieg naheliegend. Es bot mir die Möglichkeit, theoretisches Wissen praktisch anzuwenden, weit über den Hörsaal hinaus zu lernen und mit Menschen zusammenzuarbeiten, die dieselbe Leidenschaft für Innovation teilen.
Vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb
Seit der Gründung im Jahr 2017 an der Escola Universitària Salesiana de Sarrià (EUSS) in Barcelona entwickelt und baut EUSS Motorsport Formula-Student-Einsitzer – Fahrzeuge im Stil verkleinerter Formel-1-Autos. Nach drei Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor haben wir eine klare Entscheidung getroffen: den vollständigen Umstieg auf den Elektroantrieb.
Dieser Schritt war nicht nur eine Anpassung an den Zeitgeist. Es ging darum, den Wandel der Industrie hin zu nachhaltiger Mobilität mitzugehen, uns neuen technischen Herausforderungen zu stellen und den Wettbewerbsvorgaben einen Schritt voraus zu sein. Formula Student Germany, der renommierteste Wettbewerb, wird Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor künftig nicht mehr zulassen – der frühe Umstieg verschaffte uns daher einen strategischen Vorteil.
Unsere ersten Erfahrungen im elektrischen Rennsport sammelten wir mit dem EM-04, den wir bei der Formula Student Spain 2024 präsentierten. Dieses Projekt lieferte wertvolle Erkenntnisse zu Hochvoltsystemen, Integrations- und Sicherheitsanforderungen und bildete die Grundlage für die Entwicklung des EM-05.
Gleichzeitig war der Umstieg auf den Elektroantrieb die größte Herausforderung in der Geschichte unseres Teams. Die elektrische Architektur erforderte ein vollständiges Umdenken des gesamten Fahrzeugs. Hochvolttechnik, strenge Sicherheitsvorschriften und neue Anforderungen an die Fahrzeugdynamik bedeuteten, dass kein Bauteil aus der Verbrenner-Ära übernommen werden konnte. Für uns im Bereich Fahrzeugdynamik hieß das nicht nur, neue Baugruppen zu entwickeln, sondern auch sicherzustellen, dass diese nahtlos mit Elektronik, Antriebsstrang und Aerodynamik zusammenspielen. Jede Entscheidung hatte Auswirkungen auf andere Systeme – und Fehler haben uns oft schneller vorangebracht als Erfolge.
Der Entwicklungsprozess unseres bislang fortschrittlichsten Fahrzeugs: EM-05
Die Entwicklung eines Formula-Student-Fahrzeugs beginnt mit der Definition klarer Ziele – etwa Gewichtsreduktion, schnellere Rundenzeiten oder die Integration neuer Technologien. Sobald diese Ziele feststehen, beginnt jede Abteilung mit der Konzeptphase und entwickelt Lösungsansätze, um die Vorgaben zu erreichen.
Anschließend erfolgt die Detailkonstruktion im CAD, ergänzt durch Simulationen und Passungsprüfungen aller Komponenten. Eine enge Abstimmung zwischen den Abteilungen ist dabei entscheidend, da eine Änderung in einem System zahlreiche andere Systeme beeinflussen kann. Nach der finalen Konstruktion geht es in die Fertigung, die Montage und schließlich in die Erprobung auf der Rennstrecke. Gerade hier zeigt sich im realen Betrieb oft, wo noch Anpassungen notwendig sind. Den Weg vom ersten Entwurf bis zum fahrfertigen Fahrzeug zu verfolgen – und es anschließend auf der Strecke zu sehen – ist ohne Zweifel der lohnendste Teil des gesamten Prozesses.
Der EM-05, unser zweiter vollelektrischer Einsitzer, ist das Ergebnis aller Erfahrungen aus dem Vorgängermodell EM-04. Durch die konsequente Umsetzung der Erkenntnisse aus der letzten Saison und den Wettbewerben haben wir ein motiviertes, eingespieltes Team aufgebaut, das bereit ist, den nächsten Schritt zu gehen.
Zentrale Verbesserungen des EM-05 gegenüber dem EM-04
- Aerodynamik: Die wohl auffälligste Neuerung ist das neue Aerodynamikpaket, das eine Effizienzsteigerung um 260 % ermöglicht. Dies wurde durch konstruktive Anpassungen sowie die Rückkehr unseres spezialisierten Aerodynamik-Teams nach vier Jahren erreicht.
- Chassis und Packaging: Die Grundstruktur des Chassis wurde vereinfacht. Durch optimiertes Packaging und eine optimierte Anordnung der Baugruppen erreichen wir die erforderliche Torsionssteifigkeit bei reduziertem Gewicht.
- Fahrwerk: Eine neue Hinterachsgeometrie verbessert das Handling und die Anpassungsfähigkeit des Fahrzeugs.
- Kühlung: Das Kühlsystem für die Motor-Inverter-Einheit wurde optimiert und steigert sowohl Performance als auch Zuverlässigkeit.
- Elektrik: Die Sicherheit wurde durch neue, robustere Platten und ein verbessertes Battery-Management-System (BMS) erhöht.
- Antriebsstrang: Sämtliche mechanischen Befestigungen des Antriebsstrangs am Chassis wurden neu konstruiert, um eine exakte Ausrichtung von Ritzel und Kettenrad sicherzustellen. In diesem Zuge wurden unter anderem Motorwelle, Motorwellenlagerung, Motorhalter und Differentialhalter speziell gefertigt – Schlüsselkomponenten für die Zuverlässigkeit des Systems.
Engineering by Doing
Der EM-05 ist mehr als nur ein Rennwagen. Er steht für das, was engagierte Ingenieurstudierende erreichen können, wenn Leidenschaft, Kreativität und technisches Know-how zusammenkommen. Er verkörpert unser Leitmotiv „Engineering by Doing“ – Lernen durch praktische Umsetzung, Versuch und Irrtum sowie konsequente Teamarbeit.
Wir haben den EM-05 an unserer Hochschule in Barcelona vorgestellt, bei einer Veranstaltung mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Industrie, Studierenden und Lehrenden.
Kurz darauf nahmen wir mit dem Fahrzeug an zwei zentralen Wettbewerben teil: Formula Student Portugal in Castelo Branco und Formula Student Spain auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya in Montmeló. Das selbst entwickelte Fahrzeug auf der Rennstrecke zu sehen, war der eindrucksvollste Beweis für unsere Arbeit.
Gemeinsam Herausforderungen meistern
Eine der größten Herausforderungen in jeder Saison ist das Management von Zeit und Ressourcen. Als studentisches Team verfügen wir nicht über die Infrastruktur professioneller Rennställe. Umso wichtiger sind sorgfältige Planung, klare Organisation und transparente Kommunikation.
Der Umstieg auf den Elektroantrieb war mit einer steilen Lernkurve verbunden. Doch unsere Fähigkeit, uns anzupassen und eng zusammenzuarbeiten, treibt uns voran. Jeder Rückschlag wird zur Lernerfahrung, die uns stärker macht. Auch wenn personelle Kontinuität durch Studienabschlüsse und neue Mitglieder nicht immer gegeben ist, wird das Projekt selbst zur Brücke, die Wissen und Erfahrung weiterträgt.
Blick in die Zukunft
LUnser Fokus liegt nun darauf, die Konstruktionen weiter zu validieren, Schwachstellen zu beheben und jedes System konsequent zu optimieren. Bereits jetzt denken wir über ambitionierte Ziele nach – etwa den Einsatz von Allradantrieb oder die Erprobung aktiver Aerodynamik in zukünftigen Fahrzeugen.
Mein Rat an alle, die ein ähnliches Projekt starten möchten, ist einfach: Unterschätzt niemals die Bedeutung guter Kommunikation und Organisation. Selbst das beste Design scheitert ohne enge Abstimmung zwischen den Abteilungen. Und habt keine Angst vor Fehlern – jede Herausforderung ist eine Chance zu lernen und gestärkt zurückzukommen.
Haben Sie selbst schon an der Entwicklung oder dem Bau eines Rennwagens mitgewirkt? Teilen Sie Ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in den Kommentaren.
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