Ganz egal, ob es um detaillierte Grundabmessungen oder die komplexe Geometrische Bemaßung und Tolerierung geht, vermitteln beide Methoden genau die gleichen Fertigungsinformationen, positionieren sie dabei jedoch in gegenüberliegenden Positionen auf dem Zeichnungsblatt.
Die Logik hinter den beiden Methoden zu verstehen, ist wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden, wenn man mit internationalen Partnern zusammenarbeitet.
Was ist eine Orthografische Projektion?
Wenn Sie versuchen, ein isometrisches 3D-Modell direkt auf einem 2D-Blatt Papier zu bemaßen, dann wird die Perspektive verzerrt. Da nur die horizontalen und vertikalen Linien maßhaltig bleiben, können Sie den angegebenen Maßstab der Zeichnung nicht dafür verwenden, die angewinkelten Linien abzumessen. Daher ist das Hinzufügen normierter Abmessungen für die Fertigung sowie die Tolerierung in isometrischen Ansichten sowohl unpraktisch als auch ungenau.
Stattdessen projizieren Konstrukteure die erforderlichen Flächen eines Teils auf flache Ebenen. Dabei gibt es zwei primäre Projektionsebenen: horizontale und vertikale. Diese flachen 2D-Abbildungen sind als orthografische Projektionen (oder in manchen Regionen auch als dihedrale Projektionen) bekannt.
Eine vollständige orthografische Zeichnung kann bis zu sechs Standardansichten enthalten. Die vertikale Ebene erfasst dabei die Vorder-, Rück- und Seitenansichten, während die horizontale Ebene die Draufsicht und Ansicht von unten erfasst.
Durch die Platzierung des Objekts zwischen Beobachter und der Projektionsebene ergeben sich aus dem Blick aus unterschiedlichen Richtungen flache Projektionen, die die wahren Maße ohne perspektivische Verzerrungen zeigen.
Erste gg. Dritte Winkelprojektion: Die Quadranten
| Merkmal | Erste Winkelprojektion (Projektionsmethode 1) | Dritte Winkelprojektion (Projektionsmethode 3) |
| Norm | ISO 128 | ASME Y14.3 |
| Regionen | Europa, Asien, Indien | USA, Kanada, Australien |
| Logik der Projektion | Objekt zwischen Beobachter und Ebene | Ebene zwischen Beobachter und Objekt |
| Position d. Draufsicht | Unterhalb der Vorderansicht | Oberhalb der Vorderansicht |
| Position d. Seiten- ansicht v. Links | Rechte Seite | Linke Seite |
| Position d. Seiten- ansicht v. Rechts | Linke Seite | Rechte Seite |
| Intuitivität | (zu Anfang) weniger intuitiv | intuitiver |
Um nachzuvollziehen, wie die Ansichten angeordnet werden, stellen Sie sich die vertikale und horizontale Projektionsebene so vor, dass diese sich überschneiden und vier mögliche Quadranten bilden.
- Projektionsmethode 1 – die erste Winkelprojektion: Das 3D-Modell liegt im ersten Quadranten .
- Projektionsmethode 3 – die dritte Winkelprojektion: Das 3D-Modell liegt im dritten Quadranten .
Für die Zwecke der technischen Zeichnung werden diese zwei Ebenen im Grunde „flach gefaltet“, damit alle Ansichten auf ein einziges 2D-Blatt Papier gezeichnet werden können.
Warum benutzt man nicht auch die zweiten und vierten Winkel?
Praktisch gesehen, sind sie nutzlos. Platziert man ein Objekt in den zweiten oder vierten Quadranten und faltet danach die Ebenen flach, so werden die zweite und vierte Winkelprojektion an die gleiche Stelle projiziert, womit sie sich dann überlappen würden, und die Zeichnung unlesbar würde.
Projektionsverfahren 1 – Erste Winkelprojektion (ISO Norm)
Die erste Winkelprojektion ist die vorherrschende Norm in Europa, Indien und den meisten Teilen von Asien, und wird durch die ISO 128-3 – Norm definiert.
In der ersten Winkelprojektion wird das Objekt zwischen dem Beobachter und der Projektionsebene positioniert.
Während diese Methode für manche etwas weniger intuitiv scheint, so ist die Logik doch einfach: Stellen Sie sich vor, dass das Objekt auf ihrem Tisch liegt. Die Ihnen zugewandte Seite ist die Vorderansicht, die als Anker für die Zeichnung fungiert.
- Drehen Sie das Objekt nach unten hin weg, so sehen Sie die Oberseite. Dementsprechend wird die Draufsichtunterhalb der Vorderansicht platziert.
- Drehen Sie das Objekt nach rechts, so sehen Sie dessen linke Seite. Dementsprechend wird die Linke Seitenansicht rechts von der Vorderansicht platziert.
Die Regel des Ersten Winkels: Ansichten werden auf die gegenüberliegende Seite Ihrer Blickrichtung projiziert.
Das Symbol: Jede technische Zeichnung kennzeichnet die verwendete Projektionsmethode im Titelblock. Das Symbol der ersten Winkelprojektion zeigt die Seitenansicht und die Draufsicht eines Kegelstumpfes, wobei die breite Basis des Kegels in Richtung der Draufsicht zeigt.
Pojektionsverfahren 3 – Die Dritte Winkelprojektion (ASME-Norm)
Die dritte Winkelprojektion (oft auch als das Amerikanische Projektionssystem bezeichnet) ist eine Norm, die in den Vereinigten Staaten, Kanada, Japan und Australien eingesetzt wird. Sie wird über die ASME Y14.3-Norm definiert.
In der dritten Winkelprojektion befindet sich die Projektionsebene zwischen dem Beobachter und dem Objekt. (Stellen Sie sich vor, Sie würden durch einen transparenten Glaskasten auf das Objekt im Inneren schauen.
Weil sich die Projektionsebene vor dem Objekt befindet, liegen die Ansichten auf der selben Seite, aus der auch Ihre Blickrichtung kommt.
- Schauen Sie sich das Objekt von oben an, und Sie zeichnen die Draufsicht überhalb der Vorderansicht.
- Schauen Sie sich die rechte Seite des Objekts an, zeichnen Sie die Rechte Seitenansicht rechts von der Vorderansicht.
Die Regel des Dritten Winkels: Die Ansichten werden auf dieselbe Seite projiziert, aus der auch die Blickrichtung kommt. Die meisten modernen Ingenieure finden, dass dieses Layout höchst intuitiv ist.
Das Symbol: Das Symbol der dritten Winkelprojektion zeigt zwei konzentrische Kreise, bei denen der kleine Durchmesser der Seitenansicht von der Draufsicht wegzeigt.
Vergleich der Standardansichten
Gehen wir die primären ortografischen Ansichten durch und betrachten wir die praktischen Unterschiede im Vergleich zueinander.
Vorderansicht
Die Vorderansicht ist der Anfangspunkt jedweder technischer Zeichnung. Sie sollte so gewählt werden, dass sie die meisten charakteristischen oder funktionalen Elemente des Teils aufzeigt, und dabei auch in der Regel die allgemeine Länge und Höhe einfängt. Da sie als Grundlage für die anderen Projektionen dient, wird die Vorderansicht sowohl in der ersten als auch in der dritten Winkelprojektion gleich positioniert.
Seitenansicht
Die Seitenansicht fügt der Zeichnung Informationen über Tiefe hinzu, die eine Vorderansicht allein nicht kommunizieren kann. In diesem Beispiel deckt die linke Seitenansicht die Lage der Beine, die Tiefe des Teils, den Winkel und die Größe der Phase auf. Es wäre entweder ein Schnitt oder der Einsatz verdeckter Linien notwendig, um die Tiefe des Schlitzes zu bemaßen.
Draufsicht
Die Draufsicht zeigt die Merkmale, die von oben sichtbar sind. In diesem Beispiel hat die Oberseite keine Merkmale. Es wäre also vernünftig, diese Ansicht aus der Hauptzeichnung auszuschließen, um die Unordnung zu minimieren.
Ansicht von Unten / Unterseitenansicht
Die Ansicht von unten zeigt die Merkmale der Unterseite. So gilt zum Beispiel, dass, wenn ein Teil zylindrische Füße hat, die Vorderansicht nur rechteckige Blöcke zeigen würde, während erst die Ansicht der Unterseite ihr wahres rundes Profil aufzeigt.
Hilfsansichten
Manchmal können normierte orthografische Ansichten immer noch nicht gänzlich die komplexen, anwinkelten Merkmale ohne Verzerrung anzeigen. So würde das aktuelle Modell eine Hilfsansicht benötigen, um die tatsächlichen Maße des Schlitzes zeigen zu können. Da sie unabhängig vom Quadrantenlayout der Normen sind, werden die Hilfsansichten in beiden Projektionssystemen auf die gleiche Weise positioniert.
Isometrische Ansicht
Eine isometrische Ansicht ist eine optionale 2D-Projektion, in der die drei Raumachsen 120° voneinander getrennt sind. Sie gewährt dem Techniker eine schnelle, visuelle 3D-Übersicht des Teils. Isometrische Ansichten sind dabei nie bemaßt.
Best Practices – Erste Winkelprojektion vs. die Dritte Winkelprojektion
| Szenario | Anwendbare Best Practices |
| Vor dem Einsatz einer Zeichnung | Finden Sie das Projektionssymbol im Titelblock
Bestimmen Sie die verwendete Norm (ISO vs. ASME). Bestätigen Sie dies beim Zulieferer oder Kunden, falls Unklarheiten bestehen. |
| Bei der Erstellung einer Zeichnung | Wählen Sie die Projektionsmethode auf Basis der Zielregion und des Fertigungspartners.
Behalten Sie das Layout und die Projektionsmethode vollständig und konsistent im gesamten Zeichnungspaket bei. |
| Bei globaler Zusammenarbeit | Nehmen Sie nicht an, dass internationale Partner Ihre Normen teilen.
Machen Sie die Projektionsmethode deutlich, die im Titelblock, den unterstützenden Dokumenten und in der Kommunikation verwendet wird. |
| Beim Einsatz von CAD-Software | Machen Sie sich damit vertraut, wie Ihre CAD-Software zwischen erster und dritter Winkelprojektion umgeschaltet werden kann.
Exportieren Sie die abschließenden Zeichnungen immer mit der korrekten Projektionseinstellung und einem deutlich sichtbaren Symbol. |
Die Wahl
Die Wahl zwischen der Projektionsmethode 1 und 3, oder genauer gesagt der ersten und dritten Winkelprojektion, hängt gänzlich von den regionalen Konventionen ab. Europa und Asien nutzen vorwiegend die erste Winkelprojektion, während Nordamerika und Australien sich auf die dritte Winkelprojektion verlassen. Keines der Systeme hat dabei einen inhärenten technischen Vorteil gegenüber dem anderen.
Für den Ingenieur oder Konstrukteur zählt hingegen am meisten die Konsistenz. Markieren Sie deshalb immer explizit die gewählte Projektionsmethode im Titelblock der technischen Zeichnung und halten Sie sich im Rahmen des gesamten Pakets der Zeichnungen an dieses System. Falls Sie Ihre Zeichnungen einem Klienten in Übersee zur Verfügung stellen, oder mit globalen Fertigungspartnern wie Xometry arbeiten, dann bestätigen Sie immer, welches System die Techniker und Maschinisten vor Ort von Ihnen erwartetn.




















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